Fuer euch gelesen: "8 Steps to reverse your PCOS"

Buch über das PCO-Syndrom: ganzheitliche Behandlungsmöglichkeiten und Ernährung.

Wissen ist die erste und grundlegende Voraussetzung für richtiges Handeln. Und glücklicherweise gibt es bereits verfügbare Informationsmaterialien, die extra für Betroffene des PCO-Syndroms geschrieben worden sind (Bücher, Videos, Kurse etc).

 

Da es für den Laien aber oft schwierig ist, die Verlässlichkeit solcher populärwissenschaftlicher Information einzuschätzen, möchte ich dies heute für euch übernehmen.

 

Ich habe das Buch „8 Steps to Reverse your PCOS“ gelesen und werde es aus ernährungsmedizinischer Sicht als Fachkraft beleuchten - besonders im Hinblick auf die im Buch gegebenen Ernährungsempfehlungen.

 


Buch-Rezension „8 Steps to Reverse your PCOS“ von Fiona Mc Culloch

Über die Autorin des Buchs

Dr. Fiona McCulloch ist eine kanadische naturheilkundliche Medizinerin (naturopathic doctor, N.D.) mit einem zusätzlichen Bachelor-Abschluss in Molekularbiologie und Genetik. Sie ist selbst vom PCO-Syndrom betroffen und behandelt bereits sehr lange in ihrer Klinik in Toronto PCOS-Patientinnen mit unterschiedlichen Problematiken von Stoffwechselproblemen bis hin zum Kinderwunsch.

 

Qualifikation: Möglicherweise ist der Naturopathic Doctor im amerikanischen Raum am ehesten noch mit der Qualifikation eines Heilpraktikers im deutschsprachigen Raum zu vergleichen. Positiv anzumerken ist ihr zusätzlicher Hintergrund in Biologie. Ich persönlich empfinde es prinzipiell als günstig, wenn man sich gerne auch einmal von mehreren Aspekten (z.B. auch aus der Sicht der Naturheilkunde) mit einer Thematik befasst. Entscheidend für mich ist aber, dass dies kritisch und ernsthaft passiert. Möglicherweise trägt ihr naturwissenschaftliches Studium zu einer solchen Herangehensweise bei. 

 

Worum es geht

Dr. McCulloch weist in ihrem Buch auf 8 Behandlungsschritte (oder besser gesagt Themenfelder) hin, die ihrer Meinung nach einer Betroffenen mit PCOS zur Verfügung stehen und je nach individueller Situation beachtet werden sollten:

  1.  chronische Inflammation (Entzündung)
  2.  Insulinresistenz
  3.  Nebennierenrinde
  4. Erhöhte Androgenwerte („typisch männlichen Hormone“)
  5. Hormonelles Ungleichgewicht
  6. Schilddrüse
  7. Umweltfaktoren
  8. Ernährung

Auf jedes der acht Kapitel wird genau eingegangen und zahlreiche Optionen werden beschrieben. Allerdings sind diese acht Schritte nicht als fixes Programm für jede Frau zu sehen. Ganz im Gegenteil.

 

PCO-Syndrom: one size does not fit it all!

Es ist positiv anzuerkennen, dass sie in ihrem Buch erläutert, dass man nicht alle Betroffenen mit PCOS in einen Topf werfen dürfte – auch in Hinblick auf die Behandlung. Damit greift sie auch die absolut gerechtfertigte und lang geführte Diskussion in der Wissenschaft auf, was nun wirklich das PCOS ausmacht. Denn ja, es gibt einen Disput über die „richtigsten“ Diagnosekriterien und eine Diskussion ob es denn unterschiedliche Phänotypen (Erscheinungsformen von PCOS) gibt. Auf diese – auch wenn noch Gegenstand von Diskussionen –  weist sie in ihrem Buch aber schon hin. Sie nennt bereits einzelne Kriterien für jeden PCOS-Typ und ermöglicht es dem Leser durch ein Quiz herauszufinden, welchem Typ man denn entspreche. Dieses Ergebnis ist dann Grundlage für das ganze Buch, also dafür, welche Behandlungsmöglichkeiten aus dem Buch man dann erwägen sollte.

 

!

Aber Achtung, dieser Selbsttest zu den Typen des PCO-Syndroms entbehrt jeglicher wissenschaftlicher Grundlage und ist recht willkürlich, da er selbst von der Autorin erfunden wurde.

Mein Hinweis für euch:

Vielleicht wird es in Zukunft einmal Kriterien für die unterschiedlichen „Arten“ des PCOS geben. Derzeit sind wir davon aber noch entfernt. Trotzdem heißt das natürlich nicht, dass man die individuellen Symptome nicht auch jetzt schon gezielt angehen kann. Die Einschätzung, welche Problematiken prominent sind, kann ja auch jetzt schon gemeinsam mit dem Facharzt auf Grundlage der Symptomatik und medizinischer Parameter erfolgen.

Schritt Nr. 8: Ernährung

Besonders möchte ich in meiner Rezension nun auf das Kapitel Ernährung eingehen.

 

Glykämischer Index & Insulin Index

Hier wird im Buch zuerst eine Übersicht über alle möglichen Einteilungsmöglichkeiten von Lebensmitteln für PCOS gegeben (Sättigungsindex, Glykämischer Index und Insulin Index). Gerade der glykämische Index (GI) wird ja sehr oft befürwortet in Zusammenhang mit PCOS.

 

Tatsächlich scheint es sinnvoll bei der Wahl an kohlenhydrathaltigen Lebensmitteln auf eine Kombination aus vor allem Qualität aber auch Quantität zu achten. Der glykämische Index zur Beurteilung von Lebensmitteln für PCOS birgt aber auch ein paar Fallstricke, da er einen wichtigen und interessanten Faktor, nämlich den tatsächlichen Insulinbedarf, nicht misst. So erscheint das vorgestellte Konzept des Insulin-Index doch recht spannend. Aber vorerst bleibt es noch ein Thema für die Forschung. Denn viele Daten liegen nicht vor, der Einfluss des Einsatzes bei PCOS ist noch unklar. Weiters ist zu bedenken, dass die Indexierung von einzelnen Lebensmitteln keine Kombinationsmahlzeiten abbilden kann, was die Praxistauglichkeit einschränkt.

 

Bewertung von Lebensmitteln

Während beispielsweise der Konsum von Gemüse und Hülsenfrüchte auch befürwortet wird, gehe ich in einigen Punkten doch nicht ganz d´´ accord, z.B.:

  • Bewertung von Ölen und Fetten
  • Bewerbung von Fleisch als relevanter Omega-3-Lieferant
  • Bewertung  von Kuhmilchprodukten: Leider gibt es (noch) keine direkten Studien zu den im Buch kolportierten negativen Effekten im konkreten Bezug auf PCOS.
  • Die im Buch abgegebene Bewertung von Getreideprodukten ist als absolutes No-Go betrachtet mit dem derzeitigen Wissensstand. Eine glutenfreie Ernährung wird im Buch befürwortet, ist allerdings tatsächlich nur in bestimmten Fällen, wie z.B. bei Zöliakie wirklich indiziert. Liegt „nur“ das PCOS vor, hat eine solche Ernährungsweise überhaupt (!) keine Berechtigung. Im Gegenteil, eine nicht notwendige glutenfreie Ernährung schränkt das Aufnahme-Repertoire an bestimmten Ballaststoffen und Mineralien z.B. unnötig ein. Viele glutenfreie Produkte schneiden bezüglich der Kohlenhydratqualität auch schlechter ab als unsere herkömmlichen Getreide in Vollkornqualität.

Zu berücksichtigen wäre außerdem beim Lesen, dass Unterschiede in der Lebensmittelherstellung und -standards in Nordamerika im Vergleich zu europäischen Ländern bestehen können. Aber auch hier in Europa ist der Verzehr von möglichst unverarbeiteten hochqualitativen, regionalen und saisonalen Lebensmitteln natürlich zu empfehlen!

Generell Positives

  • Mein Eindruck ist, dass die Beschreibung des PCO-Syndroms (z.B. Insulinresistenz, Beschreibung der hormonellen Situation, Beschreibung des Einflusses von Schilddrüsenhormonen auf das PCOS etc.) generell recht ordentlich und auch verständlich erfolgt ist.
  • Insgesamt erscheint das Buch sehr umfassend, da tatsächlich viele Themen behandelt werden. Auch weniger beachtete Seiten des PCOS wie Besonderheiten beim Zyklusmonitoring, Stillen bei PCOS, Menopause und PCOS werden beleuchtet.
  • Das Buch erhält zu jedem Themengebiet ein Segment, das den traditionellen, medizinischen Behandlungswegen gewidmet ist. Im Anschluss folgt dann der „naturheilkundliche“ Ansatz. Ein prinzipiell toller Gedanke, dass beide Zugänge beleuchtet werden.

Anmerkungen

  • Hinweis: Das Buch ist in englischer Sprache verfasst.
  • Vieles, aber nicht alles Relevante ist mit Quellen hinterlegt. Das ist natürlich für ein Laien-Buch absolut kein MUSS solange alle dargestellten Schilderungen einer fundierten Grundlage entsprechen. Einige behauptete und nicht zitierte Aussagen hätte ich als Fachkraft aber sehr gerne in der Literatur nachgeprüft.

 

Generelle Kritik

  • Dieses Buch ist so umfassend, dass man an Ende womöglich zuerst so gar nicht weiß, was man nun tun sollte. Denn es werden so viele mögliche „Mittelchen“ vorgestellt, dass die endgültige Auswahl und v.A. auch sinnvollen Kombinationsmöglichkeiten (für mich jedenfalls) unklar geblieben wären. Aufgrund dessen sowie wegen der teilweise zu geringen Information über Nebenwirkungen würde ich auf jeden Fall empfehlen, sich aus ärztlicher Sicht beraten und absichern zu lassen bevor man zu den im Buch geschilderten Zusätzen greift. Möglicherweise könnte dann schon der ein oder andere Tipp aus dem Buch wirklich hilfreich sein.
  • Leider wird nicht für alle Maßnahmen der gleiche Maßstab angelegt. Bei den traditionell schulmedizinischen Behandlungen wurde richtigerweise auf die eventuellen Nebenwirkungen hingewiesen, was ich auch als umfassende und wichtige Information empfinde. Die schulmedizinischen Therapien sind gut erforscht, und deswegen sind ja auch tatsächlich so viele Nebenwirkungen bekannt. Daneben stehen die naturheilkundlichen Ansätze, die leider meist nur durch wenige Studien erforscht sind und so das Wirk- und Nebenwirkungspotenzial eigentlich unklarer ist. Das ist natürlich schade und unfair, aber meiner Meinung nach sollte der Leser auf die Limitationen mehr hingewiesen werden. Und natürlich auch auf die negativen Effekte, die auch durch den Einsatz "natürlicher" Mittel hervorgerufen werden können. Ein Beispiel, Glycyrrhizin (aus Lakritze) wurde aufgrund des eventuell testosteronsenkenden Effekts beworben: Es wurde zwar darauf hingewiesen, dass Lakritze als Nebenwirkung eine Änderung des Blutdrucks hervorrufen kann. Eine umfassendere Bewertung des Nebenwirkungspotenzial bleibt aber leider aus, obwohl die möglichen Nebenwirkungen hier wirklich ernst zu nehmen wären (siehe wichtige Information dazu z.B. bei https://www.aerzteblatt.de/archiv/22708).

Fazit

 

„8 Steps to Reverse your PCOS“ ist sein sehr umfassendes Buch mit vielen Informationen über das PCO-Syndrom in all seinen Facetten. Die Behandlungsmöglichkeiten werden mit einem Schwerpunkt auf naturheilkundliche Methoden dargestellt. Die Erklärungen sind anschaulich und verständlich.

Teilweise erscheinen manche Punkte fundiert, wiederum sind andere enthaltene Beschreibungen z.B. bezüglich Ernährung leider "falsch" recherchiert bzw. interpretiert. Das Buch beschreibt eine Vielzahl an Supplementen und "natürlichen" Substanzen, die man allerdings am besten erst nach ärztlicher Rücksprache und sorgfältiger Beratung einsetzen sollte. Ebenso kann das Buch auch keine individuelle Ernährungsberatung oder -schulung ersetzen, wie die Autorin auch selbst betont.

Erwähnenswert ist , dass es sich um ein Buch in englischer Sprache handelt.

 

 


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Kommentare: 2
  • #1

    Claudia Karus (Samstag, 08 September 2018 10:51)

    Hallo,
    ich finde es toll, dass es solche Informationsmöglichkeiten gibt und bedanke mich für Ihre Arbeit. Meine Tochter ist an PCOS erkrankt und wir haben 8Jahre benötigt bis das ein Arzt endlich die Krankheit diagnostiziert hat. Nun ist es aber immer noch nicht besser, da in unserer Region kein Arzt wirklich Ahnung hat. Man wird total allein gelassen. Hätte ich nicht immer wieder meine Tochter unterstützt und bekräftigt weiß ich nicht, ob meine Tochter die Jahre mit Schmerzen, enorme Gewichtzunahme, Wassereinlagerungen usw. geschafft hätte. Können Sie uns Adressen, Anlaufstellen nennen, damit sie eine fundierte Behandlung bekommt. Vielen Dank.
    Mit freundlichen Grüßen
    Claudia Karus

  • #2

    Judith - fertileaty (Donnerstag, 13 September 2018 09:50)

    Liebe Frau Karus,
    vielen Dank für Ihr tolles Feedback an mich. Was Sie schildern, ist der Hauptbeweggrund für den Beginn meiner Arbeit gewesen: es mangelt wirklich an Information und vor allem an konkreter Unterstützung für Frauen mit PCOS. Den richtigen Arzt zu finden ist schwierig. Das alles macht das Aushalten dieser ohnehin schon frustrierenden Erkrankung noch einmal frustrierender. Es ist wirklich schön, dass Sie Ihrer Tochter zur Seite stehen, doch was sie zudem braucht, ist - wie Sie richtig sagen - konkrete Unterstützung.
    Falls Sie in Deutschland wohnen, möchte ich Ihnen die PCOS Selbsthilfegruppe http://www.pcos-selbsthilfe.org/ ans Herz legen. Es gibt Gruppen vor Ort, aber auch eine Online-Community, Workshops, Online-Beratung und ein Beratungstelefon. Durch die Vernetzung finden Sie Gleichgesinnte, vielleicht auch in Ihrer Umgebung, die Ihnen aus eigener Erfahrung (!) berichten können, welche Ärzte kompetent helfen.
    Darüber hinaus kann ich Ihnen nur ganz allgemein, ohne Ihren konkreten Wohnort zu kennen, empfehlen, entweder einen guten Endokrinologen (oder endokrinologische Praxis, Endokrinologikum) oder einen Frauenarzt aufzusuchen, der in der Thematik sattelfest ist. Das ist natürlich alles andere als einfach. Eine andere Möglichkeit wäre, eine Ambulanz eines Universitätsklinikums zu besuchen (wie z.B. hier in Heidelberg), die sich mit hormonellen Störungen beschäftigen. Eine Überweisung ist dann zwar notwendig, bitten Sie Ihren Arzt aber darum, um eine genauere Abklärung zu ermöglichen, vor allem dann, wenn er mit seinem Latein am Ende ist.
    Ich wünsche Ihnen alles Gute für Ihren Weg
    Judith Greimel

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